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Liebesgrüße
aus München
Bayerische
Russland-Freunde unterstützen die vergessenen Alten von Moskau -
Zu Ostern gab es Käse, Wurst und Süßigkeiten
Von
David Denk
In Moskau hatten 500
Rentner an Ostern zumindest ein wenig Grund zur Freude. Die vom
russischen Staat vergessenen alten Menschen bekamen Pakete aus Bayern,
prall gefüllt mit Wurst, Käse, Öl, Konserven, Zucker, Süßigkeiten.
"Wir möchten den armen Menschen ihr Leben ein bisschen schöner
machen", erklärt Peter Böhm, Vorsitzender und "Vater"
der "Altenhilfe Moskau". Die Lebensmittelpäckchen im Wert
von je 25 Mark wurden vom "Moskauer Verein der Barmherzigen
Schwestern", Partner der Münchner vor Ort, aus den bayerischen
Spenden zusammengestellt. Verteilt wurden sie durch die 45 Mitarbeiter
der beiden Sozialstationen in den Stadtteilen Schtschukino und Tuschino.
"Bedürftig sind alle", meint Günter Raml. Seit seiner
ersten Russland-Reise mit Peter Böhm 1987, "noch zu Gorbatschows
Zeiten", ist er aktives Mitglied der Altenhilfe. Damals habe
er viel Not und Elend gesehen. Initialzündung sei aber ein Besuch
in der Datscha der pensionierten Vizepräsidentin eines Stahlwerks
gewesen. Die alte Dame habe ihre deutschen Gäste trotz ihrer spärlichen
Rente von 200 Rubel fürstlich bewirtet. Raml erinnert sich: "Im
Sozialismus hat ein Kilo Fleisch auf dem Schwarzmarkt 70, ein Kilo
Tomaten 12 Rubel gekostet."
Die Gastfreundschaft der Russin beschränkte sich übrigens nicht
nur auf Böhm und Raml. Nebenbei beherbergte sie noch zwei behinderte
Mädchen. "Zum Abschied haben wir spontan Geldscheine unter
die Teller geschoben." Während er das erzählt, steht Günter
Raml im Foyer des Carl-Orff-Saals im Münchner Gasteig. An diesem
Abend Ende März findet das 6. Benefizkonzert "Ein Herz für
Russland" statt.
Raml blickt in die Gesichter der anwesenden Spender und Wegbereiter.
Es ist auch ein Blick auf die Vereinsgeschichte: Im August 1992
gründete der mit einer Russin verheiratete ehemalige "Siemensianer"
Böhm die Altenhilfe. "Als ich vor zehn Jahren die katastrophale
Situation in russischen Altenheimen sah, wo eine Schwester 45 bettlägerige
Skelette pflegte, musste ich einfach helfen", erklärt Böhm.
Heute hat die Münchner Hilfsorganisation mit ihren zwölf aktiven
Vereinsmitgliedern einen harten Kern von 700 Förderern, 75 Prozent
davon leben in Bayern, ebenso viele unterstützen die Vereinsarbeit
regelmäßig finanziell.
Die Aktionen des Vereins werden zumeist in kleinen Gruppen vom Wohnzimmer
aus geplant. Darin sieht Vorstandsmitglied und Böhm-Freund Dietrich
Baer die Stärke der Münchner Helfer. "Auch wenn wir wenige
sind, bewirken wir viel. Weil wir möglichst ohne Hierarchie im Team
arbeiten."
Von der Wirksamkeit der geleisteten Arbeit vor Ort konnte sich der
stetig wachsende Unterstützerkreis bereits auf Spenderreisen nach
Moskau in den Jahren 1996 und 2000 überzeugen. Auf dem Besuchsprogramm
standen unter anderem die Besichtigung der vor acht Jahren gemeinsam
mit dem befreundeten "Förderkreis Weilheim" gegründeten
ersten Altenpflegeschule Russlands sowie ein Blick in die Sozialstationen
der "Barmherzigen Schwestern". In der Altenpflegeschule
absolvieren diplomierte Krankenschwestern eine für Russland neue
Zusatzausbildung. Danach arbeiten die jungen Frauen im Rahmen eines
Regierungsabkommens zwischen Russland und Deutschland zur beruflichen
Fortbildung für 18 Monate in deutschen Altenheimen.
Auf der Informationsbroschüre des Vereins findet sich ein Spruch
aus dem Talmud: "Wer einen Menschen rettet, der rettet die
ganze Welt. Er öffnet der Hoffnung das Tor, dem Licht das Fenster.
Er legt Zeugnis ab davon, dass es einen Nächsten gibt, dem man vertrauen
kann und einen Handschlag, der Geltung hat." Für die Aktiven
ist das keine leere Floskel - auch wenn sich bei ihnen hin und wieder
Verzweiflung einschleicht: Moskau ist ein Moloch mit über zehn Millionen
Einwohnern. Der Aktionsradius der Sozialstationen beschränkt sich
auf den Nordwesten der Stadt, in dem etwa 800 000 Menschen leben.
"Wirksamkeit durch
Konzentration" heißt das auf dem Papier, Frust durch begrenzte
Möglichkeiten im Kopf. In den Augen des russischen Vizekonsuls in
München, Alexander E. Gladkow, ist das Gefühl von Ohnmacht aber
deplaziert. "Es geht nicht um die Größe der materiellen Hilfe",
sagt er. Ausschlaggebend sei, dass "viele Leute machen, was
sie können - und das ist wunderbar".
Obwohl die Aktivisten der Altenhilfe die Welt laut Talmud bereits
mehrfach gerettet haben, träumen sie weiter: Noch in diesem Jahr
sollen sich die guten Kontakte zur Moskauer Stadtverwaltung für
die Hilfsorganisation und ihre Partner auszahlen. Die Vision eines
"Sozialen Hauses des alten Menschen" mit Altenheim, integrierter
Altenpflegeschule, sozialer Bäckerei, Wäscherei, juristischer Beratung
schwebt zwischen München und Moskau. Noch ist es ein Luftschloss,
das durch schnelle, unbürokratische Zuweisung einer geeigneten Immobilie
fundamentiert werden muss. Dann könnte der Traum bald Wirklichkeit
werden.
Für ihr zehnjähriges Jubiläum im kommenden Jahr haben die Altenhelfer
bereits ein wunderbares Domizil gefunden: Das 7. Benefizkonzert
"Ein Herz für Russland" wird im Prinzregententheater stattfinden.
Wahrscheinlich wird Initiator Böhm dann noch nervöser die Bühne
betreten als in diesem Jahr. Ganz der stolze Vater, dessen Kind
Geburtstag feiert. Wenn sein Blick dann durch den Zuschauerraum
schweift, wird er gerührt feststellen, dass alle Leute da unten
viel Geld bezahlt haben, um beim Jubiläum dabei sein zu dürfen.
Und wohl zusätzlich noch einige Spenden-Euros auf dem Vereinskonto
hinterlassen haben. Die Moskauer Rentner werden aus der Ferne mitfeiern
können.

(c) Die WELT online
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