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Die Welt 17.4.2001


 

Liebesgrüße aus München

Bayerische Russland-Freunde unterstützen die vergessenen Alten von Moskau - Zu Ostern gab es Käse, Wurst und Süßigkeiten 

 

 

Von David Denk

In Moskau hatten 500 Rentner an Ostern zumindest ein wenig Grund zur Freude. Die vom russischen Staat vergessenen alten Menschen bekamen Pakete aus Bayern, prall gefüllt mit Wurst, Käse, Öl, Konserven, Zucker, Süßigkeiten. "Wir möchten den armen Menschen ihr Leben ein bisschen schöner machen", erklärt Peter Böhm, Vorsitzender und "Vater" der "Altenhilfe Moskau". Die Lebensmittelpäckchen im Wert von je 25 Mark wurden vom "Moskauer Verein der Barmherzigen Schwestern", Partner der Münchner vor Ort, aus den bayerischen Spenden zusammengestellt. Verteilt wurden sie durch die 45 Mitarbeiter der beiden Sozialstationen in den Stadtteilen Schtschukino und Tuschino.

"Bedürftig sind alle", meint Günter Raml. Seit seiner ersten Russland-Reise mit Peter Böhm 1987, "noch zu Gorbatschows Zeiten", ist er aktives Mitglied der Altenhilfe. Damals habe er viel Not und Elend gesehen. Initialzündung sei aber ein Besuch in der Datscha der pensionierten Vizepräsidentin eines Stahlwerks gewesen. Die alte Dame habe ihre deutschen Gäste trotz ihrer spärlichen Rente von 200 Rubel fürstlich bewirtet. Raml erinnert sich: "Im Sozialismus hat ein Kilo Fleisch auf dem Schwarzmarkt 70, ein Kilo Tomaten 12 Rubel gekostet."

Die Gastfreundschaft der Russin beschränkte sich übrigens nicht nur auf Böhm und Raml. Nebenbei beherbergte sie noch zwei behinderte Mädchen. "Zum Abschied haben wir spontan Geldscheine unter die Teller geschoben." Während er das erzählt, steht Günter Raml im Foyer des Carl-Orff-Saals im Münchner Gasteig. An diesem Abend Ende März findet das 6. Benefizkonzert "Ein Herz für Russland" statt.

Raml blickt in die Gesichter der anwesenden Spender und Wegbereiter. Es ist auch ein Blick auf die Vereinsgeschichte: Im August 1992 gründete der mit einer Russin verheiratete ehemalige "Siemensianer" Böhm die Altenhilfe. "Als ich vor zehn Jahren die katastrophale Situation in russischen Altenheimen sah, wo eine Schwester 45 bettlägerige Skelette pflegte, musste ich einfach helfen", erklärt Böhm. Heute hat die Münchner Hilfsorganisation mit ihren zwölf aktiven Vereinsmitgliedern einen harten Kern von 700 Förderern, 75 Prozent davon leben in Bayern, ebenso viele unterstützen die Vereinsarbeit regelmäßig finanziell.

Die Aktionen des Vereins werden zumeist in kleinen Gruppen vom Wohnzimmer aus geplant. Darin sieht Vorstandsmitglied und Böhm-Freund Dietrich Baer die Stärke der Münchner Helfer. "Auch wenn wir wenige sind, bewirken wir viel. Weil wir möglichst ohne Hierarchie im Team arbeiten."

Von der Wirksamkeit der geleisteten Arbeit vor Ort konnte sich der stetig wachsende Unterstützerkreis bereits auf Spenderreisen nach Moskau in den Jahren 1996 und 2000 überzeugen. Auf dem Besuchsprogramm standen unter anderem die Besichtigung der vor acht Jahren gemeinsam mit dem befreundeten "Förderkreis Weilheim" gegründeten ersten Altenpflegeschule Russlands sowie ein Blick in die Sozialstationen der "Barmherzigen Schwestern". In der Altenpflegeschule absolvieren diplomierte Krankenschwestern eine für Russland neue Zusatzausbildung. Danach arbeiten die jungen Frauen im Rahmen eines Regierungsabkommens zwischen Russland und Deutschland zur beruflichen Fortbildung für 18 Monate in deutschen Altenheimen.
Auf der Informationsbroschüre des Vereins findet sich ein Spruch aus dem Talmud: "Wer einen Menschen rettet, der rettet die ganze Welt. Er öffnet der Hoffnung das Tor, dem Licht das Fenster. Er legt Zeugnis ab davon, dass es einen Nächsten gibt, dem man vertrauen kann und einen Handschlag, der Geltung hat." Für die Aktiven ist das keine leere Floskel - auch wenn sich bei ihnen hin und wieder Verzweiflung einschleicht: Moskau ist ein Moloch mit über zehn Millionen Einwohnern. Der Aktionsradius der Sozialstationen beschränkt sich auf den Nordwesten der Stadt, in dem etwa 800 000 Menschen leben.

"Wirksamkeit durch Konzentration" heißt das auf dem Papier, Frust durch begrenzte Möglichkeiten im Kopf. In den Augen des russischen Vizekonsuls in München, Alexander E. Gladkow, ist das Gefühl von Ohnmacht aber deplaziert. "Es geht nicht um die Größe der materiellen Hilfe", sagt er. Ausschlaggebend sei, dass "viele Leute machen, was sie können - und das ist wunderbar".

Obwohl die Aktivisten der Altenhilfe die Welt laut Talmud bereits mehrfach gerettet haben, träumen sie weiter: Noch in diesem Jahr sollen sich die guten Kontakte zur Moskauer Stadtverwaltung für die Hilfsorganisation und ihre Partner auszahlen. Die Vision eines "Sozialen Hauses des alten Menschen" mit Altenheim, integrierter Altenpflegeschule, sozialer Bäckerei, Wäscherei, juristischer Beratung schwebt zwischen München und Moskau. Noch ist es ein Luftschloss, das durch schnelle, unbürokratische Zuweisung einer geeigneten Immobilie fundamentiert werden muss. Dann könnte der Traum bald Wirklichkeit werden.

Für ihr zehnjähriges Jubiläum im kommenden Jahr haben die Altenhelfer bereits ein wunderbares Domizil gefunden: Das 7. Benefizkonzert "Ein Herz für Russland" wird im Prinzregententheater stattfinden. Wahrscheinlich wird Initiator Böhm dann noch nervöser die Bühne betreten als in diesem Jahr. Ganz der stolze Vater, dessen Kind Geburtstag feiert. Wenn sein Blick dann durch den Zuschauerraum schweift, wird er gerührt feststellen, dass alle Leute da unten viel Geld bezahlt haben, um beim Jubiläum dabei sein zu dürfen. Und wohl zusätzlich noch einige Spenden-Euros auf dem Vereinskonto hinterlassen haben. Die Moskauer Rentner werden aus der Ferne mitfeiern können.

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